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Auf Vox läuft ab Mai die zweite Staffel von „Sing meinen Song – das Tauschkonzert“ (SMS). Kurzer Abriss: Es geht nicht um neue Superstars, sondern um schon allseits bekannte Haudegen der Musikszene. Diese geben Lieder ihrer werten Kollegen zum Besten. Diese werten Kollegen sitzen natürlich in der Jury, und so schließt sich der Kreis. Zur SMS-Truppe gehören: Pur-Sänger Hartmut Engler, den viele von den Party-Hitmixes kennen dürften, die nachts um drei die letzten Besoffenen aus den Großraumdiskos kehren. Dann noch Andreas Bourani, Yvonne Catterfeld, Christina Stürmer, Sebastian Krumbiegel und Tobias Künzel von den „Prinzen“ sowie Daniel Wirtz. Das Gesicht der Show ist Xavier Naidoo, dem es ja egal zu sein scheint, auf welchen Bühnen er spricht, solang er überhaupt zu „seinem Volk“ reden kann. Während wohl allen zu fast jedem der eben genannten Künstler irgendwelche Erinnerungen ins Hirn schießen dürften, werden sich viele fragen: Who the fuck is Daniel Wirtz?

Das Jahr 2015 ging für den Frankfurter ziemlich turbulent los: Die Live-DVD kam auf den Markt, rotzte direkt aufs Parkett und verdrängte mal eben Metallica von Platz drei der Musik-DVD-Charts. Gar. Nicht. Übel. Für den Herbst steht die nunmehr fünfte Tournee als Solo-Künstler an; am „Ring“ und auf anderen Festivals hat Wirtz auch schon gespielt. Es ist also ziemlicher Bullshit, wenn Vox den 39-Jährigen in der Showbeschreibung als „talentierten Nachwuchskünstler“ bezeichnet, angesichts seines geringen Bekanntheitsgrads „außerhalb der Szene“ aber wohl irgendwie verständlich.

Als Sänger der Alternative-Rockband „Sub7even“ veröffentlichte Wirtz drei Studioalben, die Single „Weatherman“ verschaffte den fünf Jungs 2000 einen Gastauftritt bei „Verbotene Liebe“ sowie einige Support-Acts der Böhsen Onkelz. Klingt ziemlich unsexy; ist es auch. Was aber nach dieser Karriere folgte, ist verdammt noch mal ein Brett und der wohl abgefuckteste, schonungsloseste und grundehrlichste Seelenstrip der deutschen Musikgeschichte: 2008 erscheint das Album „11 Zeugen“. Zu diesem Zeitpunkt ist Wirtz nicht mehr bei Sub7even, singt nicht mehr auf Englisch und trägt auch keine ärmellosen Tank-Tops mehr. Er ist nur noch Daniel Wirtz, kein Produkt der Musikindustrie mehr und in einer völlig neuen musikalischen Dimension angekommen. Die Texte singt er ab sofort in seiner Muttersprache, und er schreibt sie nicht nur selbst, sondern auch sehr persönlich und emotional. Den Vertrieb überlässt er Rough Trade, um den Rest kümmert sich der damals 33-Jährige selbst: gründet sein eigenes Label (Wirtzmusik), übernimmt das Editing im Studio, stemmt die Finanzierung. An seiner Seite immer der Produzent Matthias Hofmann. Das ist bis heute so geblieben.

Das erste Soloalbum „11 Zeugen“ zählt noch heute als Geheimtipp in der alternativen deutschen Rockszene abseits aller Ekelbands wie Frei Wild und ist das wohl Beste, was Wirtz je gemacht hat. Eine grundtiefe Melancholie umweht alle elf Lieder, der Frankfurter singt ehrlich über seine eigene, innere Schattenwelt und spart nicht mit barschen Ausdrücken. Balladen und rotzige Rocksongs rahmen die grungige Scheibe, manche vergleichen Wirtz‘ Stimme mit der Eddie Vedders. Die Platte stieg auf Platz 94 ein, die anschließende Tournee durch deutsche Clubs brachte ihm Silber in der Publikumskategorie des Live Entertainment Awards. Ein Jahr später schon die nächste Soloplatte; „Erdling“ – Platz 44. 2011 schaffte es „Akustik Voodoo“ bis auf Rang 5; der bislang größte Erfolg des heute 39-jährigen Musikers.

Zuletzt bewegte sich Wirtz wieder auf unbekannteren Pfaden: 2014 erschien das Album „Unplugged“. Darauf keine neuen Lieder, sondern ausgewählte seiner vorherigen Alben ganz neu arrangiert: Ohne Strom, mit Piano und piano. „Manche Lieder fühlen sich heute so an, als wären es die Originale, die Ursprungsversionen“, sagte er in einem Gespräch mit mir. Auch diese Platte verkaufte sich überaus gut. Das verdankt der Musiker einer Fanbase, die organisch gewachsen ist und nicht auf einem kurzen Hype beruht. Die erwähnte Live-DVD, die das Unplugged-Konzert im Gibson-Club Frankfurt zeigt, ist seine bislang letzte Veröffentlichung. Aktuell sitzt Wirtz an Album Nummer fünf: „Das soll wieder rocken und richtig Dampf haben.“ Die Texte seien soweit schon fertig, einige Arrangements stünden ebenfalls schon. Die Tour startet Ende August, das Album soll „spätestens einen Monat vorher erschienen sein“. Mal abwarten, was es bringt. Bis dahin möchte Wirtz das Unplugged-Album auf Vinyl pressen, „ein persönlicher Traum“. 1000 Stück soll es geben, und wenn die sich verkaufen, sollen von dem eingenommenen Geld auch die anderen Alben refinanziert werden und auf Schallplatte erscheinen. Die Fans sind treu, das könnte klappen.

Bis dahin gibt’s aber erst mal „Sing meinen Song“ im Fernsehen. Die Serie startet am Dienstag, 19. Mai. Mit dabei einige altgediente deutsche Musiker sowie ein paar Namen, nach denen heute kein Hahn mehr kräht. Ja, und dann ist da noch dieser „talentierte Nachwuchskünstler“ namens Daniel Wirtz.

Zuerst erschienen im Magazin move36

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