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http://nico-bensing.de/blog/schmerzmittel-gehoeren-dazu-interview-mit-sebastian-kehl/

Sebastian Kehl gehörte beim BVB jahrelang zum Inventar, in dieser Saison ist der Lahrbacher aber nicht mehr mit dabei – der Fußballer ist nun Rentner. Im Interview spricht Kehl über sich, seine Pläne, seine Karriere, große und kleine Fehler sowie einen Wasserrohrbruch.

Unser Interviewtermin musste nach hinten verschoben werden, weil es bei dir zu Hause ein kleines Problem gab … 
Ja, wir hatten einen Wasserrohrbruch, das hat meinen Tagesablauf ganz schön umgeworfen. Deshalb grille ich heute Abend auch nur gemütlich mit meiner Familie im Garten. Eigentlich wollte ich mit Freunden feiern gehen.

Alltägliche Probleme, um die du dich sonst nicht kümmern musstest. Wie fühlt sich das Leben als Rentner an?
Ich bin ja erst seit wenigen Tagen Rentner. Mein Vertrag lief bis zum 30. Juni. Aber das Gefühl ist wirklich sehr komisch. Ich gehe in den Urlaub und habe zum ersten Mal seit Ewigkeiten keinen Trainingsplan, den ich befolgen muss.

Dafür aber sicher doch andere Pläne. Du möchtest erst mal Reisen, oder? 
Ja. Zuerst will ich mit meiner Frau und den Kindern im Camper durch die Staaten fahren. Anschließend geht es für mich – ohne Familie – noch weiter durch die Welt, teils sogar mit dem Rucksack. Gerade in Australien und Neuseeland macht das super Spaß. Diese Länder faszinieren mich.

Wie soll man sich das vorstellen? Sebastian Kehl schläft in einer Jugendherberge in Sydney?
(lacht) Ja, das kann schon passieren. Diese natürliche Art gefällt mir total. Man kommt viel besser mit den Menschen und der Kultur in Kontakt. Es soll Teil der Reise sein, mich treiben zu lassen, die Langsamkeit ist mir an der Sache sehr wichtig. Wenn ich aber mal Lust hab, mich in ein Hotelbett zu legen, dann mach ich das sicher auch.

Apropos Schlafen: Dein letztes großes Spiel hast du verloren. Wie schläft man nach einer 3:1-Niederlage im DFB-Pokalfinale gegen Wolfsburg?
Es war schon schwierig die ersten Nächte. Aber eigentlich war es doch wie immer: Wir haben ein Finale verloren (Dortmund verlor in den letzten Jahren auch das Champions-League-Finale 2013 sowie die DFB-Pokalfinals 2008, 2014 und 2015; Anm. d. Red.). Meine Karriere möchte ich aber dennoch nicht darauf reduziert wissen, ich hatte eine tolle Zeit.

 

Ein paar Titel mehr hätten es aber schon sein können, oder? 
Klar hätten wir mehr gewinnen können. Dass ich mit all den Titeln aber glücklicher wäre als jetzt, bezweifle ich. Am Ende war es schon geil, dies alles erlebt zu haben.

Dabei warst du sehr lange. Wie sehr hat sich in deiner aktiven Zeit der Fußball verändert?
Extrem. Früher ist dir der Manndecker nur hinterhergerannt, und der Stürmer ist vorne stehen geblieben. Heute ist alles viel dynamischer, flexibler geworden.

Dennoch bist du – abgesehen von Verletzungspausen – durchgehend Stammspieler gewesen. Wie schafft man es, diesen Wandel so konstant mitgehen zu können? 
Das ist ein stetig fließender Prozess, den man selbst gar nicht so mitbekommt. Man trainiert täglich und entwickelt sich daher auch immer weiter. Wer aber dauerhaft erfolgreich sein und vor allem bleiben will, muss Opfer bringen. Das gehört dazu, und das habe ich glaube ich auch getan.

Zum Beispiel? 
Mein Körper leidet unter Verschleißerscheinungen, die Knie und Sprunggelenke haben schwer gelitten. Einige Bewegungen gehen heute viel schlechter als noch vor ein paar Jahren.

Transfermarkt.de listet insgesamt 25 Blessuren. Wie übersteht man all das und kann trotzdem weiter Fußball spielen?
Schmerzmittel gehören zum Geschäft dazu. Oftmals bleibt kaum Zeit oder die Möglichkeit, eine Verletzung vollständig auszukurieren. Da bekommt man eine Spritze, und weiter geht‘s. Das nimmt man als Fußballer aber auch in Kauf, man lebt schließlich mit Herz und Seele für diesen Beruf.

 

Gibt es noch etwas, das sich im Vergleich zu früher geändert hat? 
Ja, die Spieler sind viel gläserner geworden; das ist ebenfalls Teil des Geschäfts. Die Gehälter sind enorm gestiegen, dafür die Privatsphäre in gleichem Maße eingeschränkt. Klar hat jeder Dinge wie Facebook und Twitter selbst in der Hand, aber von den eigenen Vermarktungsfähigkeiten hängt es auch ab, wie teuer du als Spieler bist, welche Werbeverträge du kriegst und letztlich auch, bei welchem Verein du spielst. Aber das muss jeder für sich selbst entscheiden. Dass man da öfter in ein Fettnäpfchen tritt als früher, ist auch klar.

Gibt es Fehler, die du bereust? 
Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich alles richtig gemacht hätte. Aber ich habe immer versucht, mir treu zu bleiben, und das hat – mit wenigen Ausnahmen – auch geklappt.

Die da wären?
Es ist nicht so, als hätte ich nie einen Höhenflug gehabt und gedacht, ich sei der King. Da muss man Leute haben, die einen wieder auf den Boden zurückholen. Die hatte ich zum Glück und damit auch die Möglichkeit, zu lernen und mich zu entwickeln.

Denkst du, Thomas Tuchel ist der Richtige für Dortmund? Die Führungsetage erhofft sich ja gerade das vom Ex-Mainzer: den Spielern beim Lernen und Entwickeln zu helfen.
Ich kenne ihn nicht gut genug, um eine Meinung zu haben. Ich glaube, er ist der Richtige für den BVB. Er hat einen Plan, den er konsequent verfolgen will. Er möchte einiges umkrempeln, das ist in der jetzigen Lage wichtig.

Das heißt also, der Rücktritt Klopps war ebenfalls richtig? 
Der Verein ist immer größer als einzelne Personen, selbst als Jürgen Klopp. Das sollte auch immer so bleiben. Er war ein wirklich guter Trainer und sehr eloquent; ich glaube, ich habe wenige Sätze zweimal gehört in der gesamten Zeit. Die jetzige Situation ist aber eine riesige Chance, die Geschichte weiterzuschreiben. Und Jürgen kann eigentlich überall hin.

 

Auch zur Nationalmannschaft? 
Im Moment noch nicht, denke ich. Jürgen braucht den täglichen Stress und die Anspannung. Ich kann ihn mir gut in England vorstellen. Eher als in Spanien vielleicht, weil seine Worte und Ansprachen für seinen Führungsstil wichtig sind. Wir brauchen uns keine Sorgen um ihn zu machen. Er wird sicher jeden Tag mit einem breiten Grinsen aufwachen.

Du möchtest später auch noch den Trainerschein machen. Willst du wirklich mal eine Mannschaft trainieren? 
Warum nicht? Ich kann mir das schon vorstellen. Wichtiger ist mir aber, diese Seite überhaupt mal kennenzulernen. Eher könnte ich mir aber tatsächlich einen Managerposten vorstellen. Vielleicht bin ich ja als Hesse auch irgendwann mal bei der Eintracht angestellt (lacht). Aber klar wäre es auch schön, zunächst ein Teil der BVB-Familie bleiben zu können.

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