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Kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen – nie. Mit einer solchen Existenz können nicht viele prahlen. Diejenigen, die es können, stehen der Punk- und Hardcore-Szene oft sehr nahe.

„Der Alkohol raubt dir die Kräfte, macht dich müde – mental und körperlich. Es fühlt sich gut an, raus zu gehen und die Kontrolle zu behalten. Immer die Kontrolle zu behalten.“ Und er zählt auf: „Ich fahr nicht besoffen Auto, fange keinen Streit an, lege mich nicht beim Tanzen auf die Fresse.“ Sebastian, alle nennen ihn Basti, lebt straight edge; das heißt: keine Drogen, kein Alkohol, kein Nikotin. Nie. Wer Straight Edger ist, gibt ein lebenslanges Bekenntnis zur Szene ab – nicht mit einem Schwur und der Hand auf einem Buch, sondern symbolisch, innerlich, man tut das für sich selbst. Außerdem schwört man dem Sex ab. Nicht im Generellen, man lebt nicht zölibatär (auch wenn das Splittergruppen der Bewegung durchaus so sehen); dafür aber im Speziellen, denn man „bumst sich nicht durch die Gegend, zollt einander Respekt“, erklärt der 29-Jährige.

Basti. Foto: privat

Basti lebt seit gut sieben Jahren dieses Leben. Straight Edge – entstanden aus dem Hardcore-Punk, einer Szene, die in den frühen 80er Jahren vornehmlich aus Koks ziehenden, Alkohol saufenden und rumvögelnden Unruhestiftern bestand und in jeder Hinsicht (außer musikalisch) den Antagonisten zur Straight-Edge-Bewegung bildete. Es ging damals gegen nicht weniger als das Establishment des guten, alten Punkrocks; gerade die Altgedienten empfanden das als Affront und sahen die Aufrührer als Verräter der Szene an. Basti hat nicht miterlebt, wie der 19-Jährige Rotzlöffel Ian MacKaye 1981 mit seiner Band Minor Threat das alles anstoßende Lied „Straight Edge“ veröffentlichte; er war nicht dabei, als noch im selben Jahr die Single „Out of step“ erschien – wieder ein Minor-Threat-Song –, der die Grundpfeiler der Straight-Edge-Kultur betonierte: „Don’t smoke / don’t drink / don’t fuck!“ Basti war auch keiner von denen, die sich das „X“ auf den Handrücken malten, um zu zeigen, dass das Blut, das durch diese Finger fließt, ungepanscht ist. Basti ist einige Jahre später überhaupt erst zur Welt gekommen, 1985, und um die Straight-Edge-Bewegung machte er vor einer Dekade als Jugendlicher noch einen großen Bogen. „Straight Edge. Für mich waren das Glatzen, die sich Flaschen auf dem Kopf zerkloppen.“ Notabene: „Als ich es noch nicht kannte.“ – einen Eindruck, den nicht nur der Schlüchterner von der Szene hatte. Von außen betrachtet sind Straight Edger tatsächlich erst mal keine Selbst- oder Weltverbesserer, Tierschützer und Umweltaktivisten, sondern scheinbar aggressive, auf Konzerten pogende Punks – nicht besser und nicht schlechter als die, die Zigaretten rauchen und besoffen vom Barhocker fallen.

Das sah auch Basti anfangs so. Dabei ist der 29-Jährige keiner, dem der Punk und die damit verbundene Skinheadkultur fremd sind oder je waren, er ist näher dran als viele andere. Schon seit seiner frühen Jugend, und die ist immerhin um die 15 Jahre her, kann er was anfangen mit den Begriffen „Moshen“ oder „Circle Pit“, kennt Bands wie Sex Pistols und Minor Threat, weiß um die Bedeutung des Punkrocks als Sprachrohr der Arbeiterbewegung. Wir sprechen von Anfang der 2000er; Zeiten, in denen Basti als rotziger Punk durch die Straßen streift, selbst pöbelt, trinkt und Bierdosen auf den Boden wirft. Heute trägt der 29-Jährige immer noch enge Jeans und hin und wieder Karohemd; gefärbte Haare oder gar der Iro sind Relikte aus alten Tagen. „Alle werden ruhiger, bekommen vielleicht Kinder, gründen eine Familie“, erklärt er. Das macht die Szene auch so undurchsichtig; „man erkennt die Punks und Skins nicht mehr am Aussehen. Nur noch die Teenies, die ein Ventil für die Rebellion gegen ihre Eltern brauchen, kleiden sich so provokativ – doch die verstehen das Konzept meist gar nicht.“ Mittlerweile kennt Basti die Szene aber auch von innen – und ist überzeugt von ihr.

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In Fulda und Region gibt es sie kaum, sie ist sehr klein – die Szene der Punks und noch viel mehr die derjenigen, die straight edge leben. Deshalb kennt man sich untereinander – man trifft sich schließlich auf Punk- und Hardcorekonzerten; quasi die „Klassentreffen“ der Szene. Basti erzählt von einer Freundin: Katharina, die alle nur Katha nennen. Katha, 32 Jahre und aus Gelnhausen, lila gefärbte Haare (meistens jedenfalls), Tattoos vom Scheitel bis zur Sohle, ein wenig aufgedreht und sympathisch, findet, sie sei „nicht der typische Straight Edger“ – nicht in der Szene aktiv, „ich hänge auch mit Leuten rum, die trinken oder rauchen, bin da nicht so militant.“ Das eint sie mit Basti und lässt beide irgendwo im Mittelfeld landen, zwischen den sehr Aktiven und denen, die gar nichts mit der Szene am Hut haben, aber trotzdem ohne Alk und Drogen durchs Leben kommen. Obwohl Basti „anfangs schon ziemlich radikal war“, wie er findet. „Ich wollte das niemandem aufzwingen, hatte aber immer weniger Kontakt zu Leuten, die sich hin und wieder dem Rausch hingaben – egal ob ein Bier oder zehn, eine Kippe oder 50.“ Von seinen Kumpels schwor er ab, sein neuer Lebensstil war für ihn Legitimation genug, sich über andere zu erheben. Heute schwimmt sein Schiff in toleranteren Breitengraden, er könne sich sogar vorstellen, seine Band mit Nicht-Edgern aufzufüllen; auch alte Freundschaften leben wieder auf, und mit den Jungs von damals will der Bassist wieder ins Studio, „ein fettes Tape aufnehmen“.

Katha lebt ebenfalls seit gut sieben Jahren asketisch. „Wenn ich damals getrunken habe, dann oft über den Durst hinaus.“ Ärger und Streit mit dem Freund, Tränen und Wut seien die Folge gewesen. Basti erklärt: „Wird einem das bewusst, braucht es keinen großen Absturz und kein Mit-den-Lippen-über‘m- Gulli-hängen. Macht es einmal Klick, dann gewinnt man den Eindruck, zu wissen, wie diese dreckige Welt ein Stückchen sauberer werden kann.“ Dieses Klicken zog sich bei dem 29-Jährigen über ein halbes Jahr, und der Stein des Anstoßes war eine halbleere Whiskeyflasche, Montagmorgens um elf. „Aus Langeweile. Ich hab die Schule geschwänzt und hatte einfach Langeweile.“ Als er dann einen Schritt heraus machte, einen – wenn auch leicht verrauschten – Blick auf das große Ganze warf, verstand er: „Hier läuft was schief. Dann hab ich’s bleiben lassen – sechs Wochen lang.“ Wer das schon mal probiert hat, weiß wie schwierig es ist. Geburtstage, eine bestandene Prüfung, ein gewonnenes Fußballspiel: „Alkohol ist in unserer Gesellschaft so ekelhaft fest verankert, dass du aussätzig bist, wenn du nicht säufst.“

Das hielt er sechs Wochen durch. Und nach einem weiteren halben Jahr, in dem wieder wilde Partys und viel Alkohol angesagt waren, war schließlich ganz Schluss. Basti wollte das alles nicht mehr, sein Leben nicht länger durch einen Schleier betrachten, „klar sein“ und hat sich also „reingelesen, mit Straight Edge beschäftigt“. Er las, dass sich die Szene in den Achtzigern mithilfe von Bands wie 7 Seconds schnell ausbreitete, dank SSD und DYS in Boston Fuß fasste und dort schnell sehr gewalttätig wurde (Der Film „Boston Beatdown“ erzählt mit verstörenden Bildern, wie Straight Edger auf Drogendealer und selbst Raucher einprügeln.), bis sie schließlich nach New York vordrang und in den Neunzigern über den Atlantik schwappte, in die Niederlande und nach Deutschland kam. Und er begann zu verstehen, welche Bedeutung das Drei-Schritte-Programm (Don’t smoke, don’t drink, don’t fuck) hat, und dass „don’t fuck“ einem keinesfalls nahelegt, ganz auf Sex zu verzichten, „sondern man keinem was vorspielen, stattdessen respektvoll miteinan- der umgehen soll“, erklärt Basti.

Er lernte – genau wie Katha –, dass das „X“ in einigen amerikanischen Kneipen Minderjährige markierte, an die kein Alkohol ausgeschenkt werden durfte – und die Straight Edger sich mit ihnen solidarisierten. Und das gefiel beiden, traf ihren Geschmack. Basti wurde schnell klar, was die scheinbar so hohe Aggressivität beim Tanzen beziehungsweise Moshen, dem Aneinanderspringen, sich schubsen, zu Boden schmeißen zu bedeuten hat: „Die Welt ist ein mieser Fleck, es herrscht Ungerechtigkeit. Das lässt sich nicht wegdiskutieren. Ein Weg, damit umzugehen, ist zu saufen, Drogen zu nehmen und sich selbst zu zerstören. Ein anderer ist Straight Edge. Und der Moshpit.“ Der Moshpit. Die Menschentraube, die sich aneinander aufreibt und zu Boden schmeißt. Auch wenn es merkwürdig klingt: Das Chaos im Moshpit hat Regeln. „Man hilft sich gegenseitig auf. Immer. Man schlägt sich nicht. Man tanzt einfach, bis Wut und Frust raus sind.“

Basti lernte aber auch, dass das Leben mit dem „nüchternen Vorteil“, so kann man die Bewegung übersetzen, noch weit mehr ist als nur eine Selbstbefreiung. „Ich wurde politisch. Nicht aktiv – aber innerlich. Schon morgens bereit für den Kampf!“ Und irgendwann kam der Tag, der das auch nach außen kehrte, bei beiden: Mitgliedschaft beim Vegetarierbund (er) oder bei Peta (sie), Demonstrationen gegen Tierversuche und Kapitalismus, Occupy und Blockupy (er), Dienste beim Naturschutzbund (sie), Arbeit in einem veganen Einzelhandel (er), Vegetarismus und Veganismus (beide). In der Sprache der Szene heißt das: die Positive Mental Attitude leben. Eine Bezeichnung, die der Autor Napoleon Hill in seinem Buch „Think and grow rich“ erstmals verwendete und die von der Hardcore-Band Bad Brains aufgegriffen wurde.

Positiv: Dieser Begriff spielt im Selbstverständnis aller Straight Edger eine entscheidende Rolle – nicht nur die positive Einstellung, die jedem Individuum und damit der ganzen Subkultur anheimfällt. Sondern jeder soll auch im weiteren Sinne aktiv dafür sorgen, die Welt zu einem besseren Platz zu machen. „Das wird vor allem von den Hardlinern oft so interpretiert, dass Gewalt gegen Andersdenkende legitim sei“, und das habe der Bewegung lange geschadet, dieser „verhältnismäßig geringe Anteil an Aggressiven wurde oft als repräsentativ hingestellt“, sagt Basti. Heute sei die Berichterstattung viel positiver, gerade in den öffentlich-rechtlichen Medien wird das Phänomen wohlwollend aufgenommen.

Die Szene hat mittlerweile zahlreiche Verästelungen, Splitter-Gruppen: Da sind die erwähnten, gewaltbereiten Hardliner, anarchistische Strömungen in Lateinamerika, und in Südafrika gibt es vor allem christlich geprägte Straight-Edge-Bands. In Deutschland leben die meisten „Edger“ vegan oder zumindest vegetarisch. Vegan Straight Edge – Katha und Basti zählen sich beide dazu. „Wenn ich etwas mache, dann voll und ganz“, sagt sie. Er findet, dass das eng mit dem so bedeutungsschwangeren Begriff positiv verknüpft ist, und sie betont den „Schutz unschuldigen Lebens. Klar hat Fleisch essen früher dazugehört. Das Höhlenleben und die Jagd aber auch.“

Straight Edge hat sich aus der Hardcore-Punk- Szene heraus entwickelt, und sie ist untrennbar mit ihr verbunden. Trotzdem scheint sie das genaue Gegenteil von ihr zu sein. Warum sonst gäbe es eine tiefe Schlucht zwischen Punks und „Edgern“. Doch genau das ist der springende Punkt: „Dieser Graben lässt Straight Edge auf ewig punk sein; denn es ist ein Auflehnen. Gegen Regeln, festgefahrene Meinungen und gegen Das-haben-wir-schon- immer-so-gemacht-Attitüden. Rebellion und Nonkonformismus“, sagt Basti, „geben der Szene ihre Identität“. Und dann machen sie sich auf: Basti zu einer Demo und danach heim zur Freundin, um seinen beiden Kindern „Peter Pan“ vorzulesen. Katha zum Krötensammeln für den Nabu und anschließend nach Hause, um mit ihrem Ehemann auf ein Konzert zu gehen.

Zuerst erschienen im Magazin move36

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