Follow by Email
Facebook
Twitter
Google+
http://nico-bensing.de/blog/reportage/die-parallelwelt/

 

Knapp 15.000 Menschen müssen nach „Perfect Days“ auf dem Burg-Herzberg-Festival wieder zurückkehren in eine schreckliche Parallelwelt: das echte Leben. Das ist schade, doch Herbert G. Wells Zeitreisender in „The Time Machine“ erklärt richtigerweise, dass Zeit nur eine vierte Dimension ist und wir stets zurückspringen können in die Vergangenheit. Wenn wir uns lebhaft erinnern, bewegen wir uns auf der Zeitleiste und sind fast wieder in der erinnerten Sekunde, heißt es in dem Klassiker der englischen Literatur sinngemäß – Blitzlichter vom größten Hippiefestival Europas.

Zeit: Stunden wurden zu Minuten, aus Tagen wurden Nächte, daraus wieder die schönsten Minuten. Alles im Fluss, ohne klare Kanten und Grenzen; eben noch ist es Donnerstagabend, kurz darauf schon zieht man das letzte warme Dosenbier unter dem Bus hervor und stellt erstaunt fest, dass der Tabak gerade noch für eine Zigarette reicht … Dann schläft man erschöpft auf der Wiese ein.

Schön: Mit Musik einschlafen – mit Musik aufwachen.

Bester Auftritt: Knapp einhundert Künstler, dazu haufenweise gutgelaunte Gutmenschen und Poeten und Freizeittraumtänzer, die zwischen den Zelten oder am Pizza-Stand Trauben um sich scharen und mit manchmal zitternder Hand aber fester Stimme ihre eigenen Werke vortragen oder dem glückseligen und Seifenblasen blubbernden Publikum Musikwünsche erfüllen. Es wäre unfair, nur einige wenige herauszustellen. Trotzdem ist kein Drumherumkommen, erzählt man von einem Festival: „Okta Logue“ waren großartig und ziehen den Zuhörer und -seher in den Bann. „Patti Smith and her Band“ begeisterte gerade die ältere Generation, die wiederum die jüngere mit ihrer Begeisterung begeisterte und somit Stürme der kollektiven Einhelligkeit auslöste. „The Crimson ProjeKCt” hat die Gabe, „sich mit dem Gitarrenspiel auszudrücken und mit Tönen Geschichten zu erzählen“, wie es ein blühendes Blumenkind ausdrückte. Dann noch das „Gypsie Ska Orchestra“, das zwar etwas später als geplant auf die Freak-Stage ging (die Jungs hatten eine Panne auf der Autobahn), sie dann aber auch nicht mehr verlassen wollte und dafür sorgte, dass die Wiese haufenweise „Ska-Stepp-Löcher“ bekam. „Blues Pills“, die in der falschen Zeit und im falschen Universum geboren scheint, aber genau deshalb so widerstandslos auf die Bühne des Herzberg-Festivals passte. Außerdem noch „Götz Widmann“, „Äl Jawala“, „Billy Bragg“, „Kofelgschroa“. Aber wie gesagt: Die Liste ist und darf und kann nur unvollständig sein.

Allerbester Auftritt: DJ Electric. Jede Nacht aufs Neue. Der Althippie verzauberte mit seinen mehr als 5000 Schallplatten die Tanzwiese der Mental Stage und begrüßte jeden Morgen die aufgehende Sonne gemeinsam mit „The Doors“ und den seit Stunden in Trance schwingenden Menschen.

Der Philosoph vom Berge: Ein Mann namens Gregor, nennen wir ihn Helge, denn so sah er in Wirklichkeit aus. Helge hatte einen Stein dabei, der sich eher nach einem Knochen anfühlte, gut und gerne aber auch eine Muschel hätte sein können. Helge wusste auch nicht so genau, was es eigentlich war. Jedenfalls fand er den Stein (Muschel, Knochen) am Strand einer spanischen Insel (ja, Mallorca). „Hätte man mir aufgetragen, den Stein (Muschel, Knochen) zu suchen, ich wäre chancen- und hilflos gewesen an dieser großen Küste. Doch eine Stimme hämmerte in meinem Kopf und führte mich direkt zu diesem wundervollen Stein (Muschel, Knochen).“ Das heißt? „Die besten Dinge kommen zu dir, wenn du dich nicht darauf versteifst, sie unbedingt suchen und finden zu müssen; lass los und das Leben beschenkt dich!“

Nicht so schön: Mit Musik einschlafen – mit Musik aufwachen. Aber auch „die zunehmende Entpolitisierung des Festivals“, wie eine junge Frau mit langen blonden Haaren und kleiner Zahnlücke bemerkte. Es gehe lediglich um Rückbesinnung, nicht mehr um Klassenkampf. Das sei schade.

Der Zauberer von der Burg: Den Joint in der linken Hand, einen Cowboy-Hut auf dem Kopf, eine lederne Hose und ein helles Baumwollhemd an. Sonst nichts. Die Ärmel von Hannes waren leer, keine versteckten Asse und kein doppelter Boden. Zwei Probanden. „Streckt eure Hände aus“. Gesagt, getan. „Jetzt ballt eine Faust, reibt eure linke an der rechten Hand, erzeugt Wärme.“ Dann die Hände wieder auf; Hannes zog an seiner Zigarette (Joint), nahm ein wenig Asche mit der angefeuchteten Fingerspitze, rieb sie in eine der vier ausgestreckten und wartenden Händen (ganz rechts außen) und sagte: „Jetzt wieder schließen und aneinander reiben, alle vier Hände. Reibt es von der einen Hand in die andere … So, jetzt aufmachen.“ Der Aschefleck war von der einen (ganz rechts außen) des einen Probanden in die andere (ganz links außen) der anderen Probandin gewandert. Kann das jemand erklären? „Er macht das vorher schon irgendwie“, ist keine Erklärung.

Schlechtester Witz: Kann und darf nicht erzählt werden. Dafür aber der zweitschlechteste, aber immerhin altersfreie: Was macht ein Clown im Büro? Faxen.

Lustiger Geselle: Flar. Ein alter Seemann, der nicht zugeben wollte, ein Seemann zu sein. War in Ecuador auf Reisen und berichtete (beginnend mit „Arr, arr, arr“) davon, dass niemand seinen Namen aussprechen konnte, und er sich deshalb dazu entschied, ihn ab sofort rückwärts zu nennen. Das konnten seine südamerikanischen Marinekollegen schon einfacher aussprechen. Deshalb heißt der Mittfünfziger und Maschinenführergehilfe Ralf auch in Deutschland ab sofort Flar; und ist ein Seemann!

Liebe: Überall, vor allem in den Kinder-Augen. Emma, drei Jahre alt und von einer Schmuse-Eidechse begleitet, sorgte bei einer kleinen Traube von Freunden für Besinnung, als sie erst die Sonnenbrille eines jungen Mannes aufsetzte und anschließend jedem zu verstehen gab, dass ein lautes Lachen für einen Moment alles unwichtig erscheinen lässt. Jeder war mal Kind. Jeder kann laut lachen.

Zuerst erschienen auf move36.de

Follow by Email
Facebook
Twitter
Google+
http://nico-bensing.de/blog/reportage/die-parallelwelt/