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Mit leichten Kopfschmerzen steht Kurt Cobain an der Pforte. Die goldene Gittertüre auf luftigen Wolken ist offen und bittet ihn herein; an der Klinke klemmt ein Brief, darauf sein Name. „Herzlich Willkommen im Klub 27“, murmelt er die Zeilen des Papiers. Dann tritt Kurt ein. Drinnen, im berühmten Klub 27, sieht er Gitarren-Koryphäe Jimi Hendrix. Jim Morrison, Doors-Frontmann, sitzt an der Klub-Bar, und Rolling-Stones-Mitgründer Brian Jones zieht ein paar Bahnen im Schwimmbecken, Hippie-Ikone Janis Joplin ein paar Bahnen Heroin. Amy Winehouse ist auch da. Gar nicht mal so übel, denkt sich der Nirvana-Frontmann getreu dem Motto „Hier bin Mensch, hier darf ich’s sein“.

Und während es in zirka zwölf Kilometern Höhe alsbald feucht-fröhlich zugeht und Sex, Drogen & Rock’n’Roll gefrönt wird – sofern das in der Körperlosigkeit überhaupt möglich ist –, passiert unter den Wolken, auf der Erde, in Seattle: nichts. Zu diesem Zeitpunkt, es ist der 5. April 1994 – also vor genau zwei Dekaden, weiß noch niemand, dass Kurt Cobain, Nirvana-Frontmann und Begründer des Grunge, Wegweiser und Sprachrohr eines als antriebs- und ziellos und in der Soziologie mit „Generation X“ oder „Lost Generation“ betitelten Nachkriegs-Jahrgangs, tot im Raum über seiner Garage liegt.

Erst drei Tage, nachdem sich Kurt Cobain auf einem letzten irdischen Herointrip mit seiner Browning Auto-5 durch den Mund in den Kopf geschossen hat, wird er von seinem Elektriker gefunden, der eigentlich nur gekommen war, um ein neues Sicherheitssystem zu installieren. Dann erst geht es richtig los: Radio und Fernsehen berichten rund um die Uhr, Tausende weinen ihren Freunden in die Schulter, Courtney Love – Cobains Ehefrau – verteilt alte Hosen und Shirts ihres Gatten auf der Trauerfeier, und oben, im Klub 27, steigt wahrscheinlich bereits die vierte Willkommens-Party für den ewig jungen Sänger und Gitarristen.

Aber was ist dieser Klub 27, alternativ auch „Club 27“ oder „Forever 27 Club“, eigentlich? In den Fokus der breiten Öffentlichkeit gelangt er durch ein Interview mit Cobains Mutter Wendy O’Connor: „Now he’s gone and joined that stupid club. I told him not to join that stupid club.“ Obwohl niemand so recht weiß, welchen Klub sie damit meint (Sie könnte auch auf die Familiengeschichte angespielt haben: Zwei Onkel und ein Großonkel Cobains haben ebenfalls den kurzen Weg ins Nirwana gesucht), verbreitet sich die Vorstellung, dass Cobain und Hendrix und Jones und Joplin und Morrison da etwas ganz Exkluxives am Laufen haben. Letztere Vier sind übrigens zwischen dem 3. Juli 1969 (Brian Jones) und dem 3. Juli 1971 (Jim Morrison) gestorben – alle mit 27; und allen wird ein ungemein wichtiger und großer Einfluss auf die Rockgeschichte zugeschrieben. Eine Verbindung zwischen dem gemeinsamen Todesalter wird allerdings vorerst nicht gezogen. Erst mit Cobains Tod erlangt der Klub seine Zulassung im Vereinsregister. Bei genauem Hinschauen wundert das aber gar nicht: Während allen anderen genannten Musikern ihr letzter Ruheplatz vergönnt ist, verweigert die Behörde in Seattle Kurt Cobain bis heute eine offizielle Grabstätte. Man wolle einen Ansturm – wie am Pariser Grab des Doors-Sängers – vermeiden.

Irgendwo muss er aber doch hin, hat sich der Sänger, Texter und Gitarrist da wohl gedacht und prompt, auch dank seiner Mutter, den Klub 27 gegründet, dem die anderen dann beigetreten sind. Streng genommen waren sie also noch gar nicht da, als Cobain an der Pforte stand. Und streng genommen ergibt der Einstieg folglich gar keinen Sinn. Doch nach dem Tod verschränken sich bekanntlich Raum und Zeit, vor allem im buddhistischen Nirwana, und im Rock’n’Roll ja sowieso. Deshalb ist auch Amy Winehouse zu Cobains Tod bereits da, obwohl sie erst 2011 stirbt. Ob sie aber tatsächlich einen so großen Einfluss auf die Musik hatte wie die anderen und daher ebenfalls eine Klubkarte ihr Eigen nennen kann, spaltet die Gemüter. Aber nur hier unten bei uns. Dort oben, im Klub 27, stört das keinen. Denn dort macht sie ohnehin gerade ein Nickerchen auf der Klubbühne.

Zuerst erschienen im Magazin move36

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