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Wurst, Milch, Käse – täglich greifen wir zu diesen Produkten. Doch wer denkt, dass die Landwirte für ihre Arbeit angemessen bezahlt werden oder gar bei der Preisgestaltung mitreden dürfen, irrt. Vielmehr werden sie von Discountern und großen Ketten, die immer mehr Marktanteile wollen, sukzessive in den Ruin getrieben. Und nicht zu vergessen: von uns.

„Man muss sich doch nur mal die ganzen Werbeprospekte anschauen. Was ist auf den ersten drei Seiten? Werbung für Fleisch!“, sagt Thomas Fögen vom Hessischen Bauernverband. „Und dann heißt es minus 50 Prozent. Billig, billig, noch billiger“, schimpft er. Bei Rewe waren kürzlich Hähnchenschenkel im Angebot: 15 Cent für 100 Gramm, das macht 1,50 Euro für das Kilo. Bei der Milch ist das nicht anders.

„Da verdienen die Landwirte absolut gar nichts“, klagt Dr. Hubert Beier vom Kreisbauernverband Fulda-Hünfeld. Ganz im Gegenteil: „Sie zehren von ihren Reserven und hoffen auf bessere Zeiten.“ Seit langer Zeit schon herrscht ein wahrer Überlebenskampf bei vielen Bauern. Einige müssen wegen der katastrophalen Preise ihren Hof aufgeben, liest man im gerade erschienenen Fleischatlas von BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) und Heinrich-Böll-Stiftung: Die Preise zerstören die bäuerlichen Existenzen. Doch wir, die Verbraucher, verschließen unsere Augen. Was ich nicht weiß, interessiert mich einen Scheiß. Nur wenn es mal zu kleinen Aufständen kommt, wie im Oktober, als mehr als 300 Landwirte am Fuldaer Dom lärmten und auf ihre immer ernster werdenden Nöte aufmerksam machen wollten, schauen wir uns das kurz an, vergessen es aber genauso schnell wieder.

Viele Landwirte verzweifeln und wissen langsam nicht mehr, was sie noch tun sollen. Doch außer zu protestieren, bleibt ihnen nicht viel. H-Milch kostet im Moment etwa 55 Cent. Von diesem Geld sieht Steffen Link, Juniorchef auf einem Milchviehhof in Dipperz, aktuell knapp 29 Cent. „Ab Februar 28,5“, sagt der junge Bauer. Eigentlich bräuchte er 45 Cent, um alle Kosten zu decken. Beim Fleisch ist die Lage nicht besser: Ein Kilo Schweinehack kostet im Angebot 3,99 Euro. Im Moment bekommt Familie Schlitzer für ein Kilo 1,26, im Schnitt sind das für ein ganzes Schwein 120 Euro. Nicole und Christian Schlitzer, die in Großen- lüder einen Schweinebetrieb haben, bräuchten aber 1,57 Euro dafür. Denn erst ab da lohnt sich die Mast der Tiere – doch dieser Preis wird seit Jahren schon unterschritten.

„Das kann auf Dauer existenzbedrohend sein“, weiß Fögen. „Man muss den Gürtel enger schnallen. Oder Kredite aufnehmen.“ Der kleine Landwirt mit dem Familienbetrieb schafft es nur über die Runden, wenn er in guten Zeiten Polster bildet, um über die schlechten Jahre hinwegzukommen. „Das war schon immer so“, gibt Beier zu. „Wenn diese Niedrigpreisphase aber länger anhält; ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, dann sind diejenigen, die nicht perfekt wirtschaften, schnell pleite“, sagt er. „Selbst die gut gestellten Höfe halten diesen Preiskampf noch maximal fünf Jahre durch, dann ist Feierabend.“

Doch weder die Schlitzers noch die Links haben eine Chance, auch nur ein Wörtchen bei der Preisgestaltung mitzureden. Das bestätigt selbst das Kartellamt: Präsident Andreas Mundt sagte vor gut einem Jahr, dass die „Big Four“ im Lebensmittelgeschäft, also Aldi und Lidl, Edeka und Rewe, knapp 85 Prozent der Gesamtumsätze einstreichen. Die Folge: Sie sagen, was der Liter Milch kostet. Sie entscheiden, was der Bauer für ein Kilo Fleisch bekommt. So einfach ist das. Auch das nicht gerade winzige Fuldaer Unternehmen Tegut sieht sich mit nach eigener Aussage „rund einem Prozent Marktanteil“ dem Wettbewerbsdruck von Aldi, Lidl und Co. machtlos ausgeliefert: „Es kann sein, dass es Situationen gibt, in denen ein notwendiger höherer Einkaufspreis für den Landwirt nicht gewährt werden kann, weil situativ am Markt keine Chance besteht, diesen beim Kunden umzusetzen“, heißt es fast entschuldigend.

Im Schnitt verdient ein Landwirt momentan 2500 Euro brutto im Monat. Verglichen mit dem Vorjahr seien das 25 bis 40 Prozent weniger, sagt Beier. Und davon müssen sich die Bauern natürlich versichern, für ihre Rente vorsorgen, Pacht und Miete zahlen, Essen und Trinken kaufen. „Gerade die Milch- und Schweinebetriebe sind sehr stark gebeutelt, beim Ackerbau ist das nicht ganz so krass.“ Aber auch dort sei es spürbar. Dass die Bauern auf der Strecke bleiben, scheint den großen Discountern und Ketten im Kampf um Marktanteile aber eher wurst zu sein.

Experten sagen, dass sie rund 70 bis 80 Prozent davon zu Dumpingpreisen verkaufen. „Die Kunden werden über diese Angebote in den Laden gelockt. Und wenn sie erst mal da sind, kaufen sie Socken, Turnschuhe, Haarspray“, sagt Fögen. Am Fleisch oder an der Milch verdiene der Handel nämlich auch nix, wichtig sei nur, dass Fleisch und Milch so billig sind, dass die Leute in ihren Laden kommen, nicht in einen anderen. Und das führt zu Preiskämpfen, die nur als krank bezeichnet werden können. Senkt ein Discounter den Preis, ziehen die anderen tags darauf nach. Und das Allerschlimmste: Wir Käufer spielen dieses miese Spiel gedankenlos und fröhlich mit, ohne auch nur eine Sekunde darüber nachzudenken, welche Folgen das hat.

Denn die sind katastrophal: „Wenn immer mehr Familienbetriebe schließen, das Fleisch aber weiterhin produziert werden muss, führt das natürlich zu einer weiteren Konzentration“, sagt Beier. Konzentration heißt: Die Megaanlagen nehmen zu, während die familiengeführten Höfe elendig aussterben. Laut Statistischem Bundesamt gibt es heute 90 Prozent weniger Schweinebetriebe als noch vor 20 Jahren. Bei den Masthühnern sind es 95 Prozent, die dichtgemacht haben, die Milchbetriebe haben um zwei Drittel abgenommen. „Das ist leider die Entwicklung, die sich abzeichnet“, so Beier. Fögen bestätigt das: „Das Dilemma ist ja“, sagt er, „dass man nur preisgünstig produzieren kann, wenn man eine gewisse Größe hat.“

Das führt zu einem drastischen Strukturwandel in der Branche: Nur mithilfe neuer Produktionsmethoden, Maschinen und automatisierter Fütterung können mehr Tiere mit der gleichen Zahl oder gar weniger Arbeitskräften versorgt werden. „Nur so sehen viele Familienbetriebe, die immer noch den größten Teil der deutschen Landwirtschaft ausmachen, eine Möglichkeit, ihre Produktion fortzuführen“, bestätigt auch Beier. Die Links in Dipperz können ein Lied davon singen: Im Stall stehen zwei High-Tech-Melkroboter, die sich um die 135 Kühe kümmern. „Die kennen jede einzelne Kuh, wissen genau, wie oft sie heute schon an der Melkmaschine war, erkennen, ob mit den Zitzen alles in Ordnung ist, mischen das Kraftfutter genauso, wie sie es mag und braucht“, erklärt Juniorchef Steffen Link. „Manche Kühe kommen sogar öfter zum Melken als sie sollten. Dann schickt der Roboter sie wieder weg.“ Die Maschine kostet 130 000 Euro und muss natürlich gewartet werden. Die Links haben zwei davon. Und der Stall wurde vor fünf Jahren auch auf den neuesten Stand gebracht. Kostenpunkt: 1,3 Millionen Euro. Die lassen sich natürlich nicht aus der Portokasse zahlen. Doch die Investitionen sind unumgänglich. „Wichtig ist, dass wir den Hof finanziell halten können und dass wir alle was zu Essen und zum Leben haben“, sagt Steffen. Vom Milchviehbetrieb in Dipperz müssen er und sein Bruder Daniel sowie die Eltern Peter und Petra leben.

Wer sich diese Investitionen nicht leisten kann, ist bald raus oder betreibt die Landwirtschaft nur noch im Nebenerwerb. Letzteres betrifft mehr als die Hälfte aller Betriebe in Deutschland. Das Statistische Bundesamt zeigt auf, dass von gut einer Million Höfen im Jahr 1971 nicht einmal mehr ein Drittel übrig geblieben ist – ob das mit dem Aufstieg der Discounter Mitte der 60er zu tun hat, lässt sich nicht zweifelsfrei beantworten, einen mindestens kleinen Zusammenhang gibt es aber sicherlich. „Im Kreis Fulda waren es vor gut 30 Jahren noch knapp 5000“, weiß Beier. Heute ist es nicht einmal mehr die Hälfte. 70 Prozent davon im Nebenerwerb.

Im Fleischatlas heißt es, dass Bauernhöfe mit mehreren Tieren immer mehr zur Ausnahme würden, weil die Landwirte sich schlicht und ergreifend spezialisieren müssen, um irgendwie die Kosten zu drücken. Denn das sei das einzige, was sie selbst in der Hand hätten, um am Markt einigermaßen bestehen zu können. Diese Meinung teilt auch Manfred Münker vom Landesbetrieb Landwirtschaft: „Wir beraten 54 Betriebe in der Region Fulda im Arbeitskreis Milchviehhaltung, unser Hauptaugenmerk liegt darauf, wie sich die einzelnen Kostenpositionen möglichst senken lassen.“ Nur schaffen das eben immer seltener die kleinen Familienbetriebe, sondern nur noch die Riesenanlagen, wo massenhaft Tiere hocken, die nicht artgerecht gehalten werden, und der Tierschutz auch schon mal auf der Strecke bleibt. Anlagen, wo es egal ist, ob die Tiere quer durch Europa transportiert werden müssen. Mit ihrer Billigpreispolitik befeuern die Discounter genau diese Entwicklung. Und wir? Schimpfen über Massentierhaltung und die bösen Tierquäler, freuen uns aber ’ne halbe Stunde später darüber, wenn wir im Supermarkt den großen Schnapper gemacht haben.

Gerade in Hessen, wo es glücklicherweise noch viele kleine Höfe gibt, könnten nicht nur die Bauern in eine krasse Schiefage geraten, sondern sich auch unsere Landschaft nachhaltig verändert. Denn je mehr Billigfleisch und -milch wir kaufen, desto schneller müssen Familienbetriebe wie die der Schlitzers oder der Links kapitulieren. Irgendwann stehen dann auch hier die fetten Megaanlagen, und die bringen Umweltprobleme mit, siehe Mecklenburg-Vorpommern: Die Mast- und Zuchtanlagen dort gehören zu den größten in ganz Deutschland. Fast 70 Prozent der Schweine werden in Betrieben mit mehr als 5000 Tieren gehalten. Die Folge: Ein Fünftel des Grundwassers ist bereits verseucht, weil es mit der riesigen Menge an Gülle, die die Schweine verursachen, einfach nicht mehr klarkommt.

Der Schweinebetrieb der Schlitzers in Großenlüder beherbergt knapp 1500 Tiere. Nicole und Christian sind aber Züchter und Mäster, nicht nur eines von beiden. Das heißt zu diesen 1500 Tieren gehören Sauen, die neue Ferkel gebären (der Fachausdruck dafür ist ferkeln), dann die Ferkel und schließlich die Mastschweine, mit denen sie letztlich ihr Geld verdienen. Kein Vergleich mit den Megaanlagen im Norden, aber auch kein Bauernhöfchen mehr. Die Schlitzers sind eine Großfamilie, sie alle lieben und bluten für ihren Beruf und ihre Tiere, aber: Insgesamt acht Leute müssen vom Betrieb leben. Den Wartestall haben sie deshalb jüngst erst renoviert, und als nächstes steht der Bau eines neuen Maststalls vor der Tür, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Das ist bei Familie Link ähnlich: „Vor 40 Jahren hatten wir nur 20 Kühe“, erinnert sich Steffens Vater Peter. „Damit könnten wir heute aber keine vierköpfige Familie mehr ernähren.“

Da muss man fragen dürfen, warum diese Entwicklung einfach so hingenommen wird, wo die Politik doch regelmäßig in andere Märkte eingreift, jüngst auf dem Arbeitsmarkt beim Mindestlohn. Wie wäre es da zum Beispiel mit einer Preisuntergrenze, um die Bauern eben nicht dem Kampf der Ketten und Discounter um Marktanteile und – aus moralischer Perspektive noch viel, viel tragischer und beschämender – unserem Geiz schutzlos auszuliefern?

Auch der BUND ist der Meinung: „Die Bundesregierung und insbesondere Bundesagrarminister Christian Schmidt müssen endlich gegensteuern und den Irrsinn von Massenproduktion, Export und der Maximierung von Profiten beenden.“ Doch wie das gelingen soll, weiß keiner so genau. Eine Preisuntergrenze beispielsweise ist nahezu unmöglich durchzusetzen: Internationaler Handel, Globalisierung und nicht zuletzt die verschiedenen Anforderungen der Länder an Umwelt-, Klima-, Tierschutz, Pestizidein- satz, Gentechnik et cetera führen nicht dazu, dass alle auf dem gleichen Standard wirtschaften und verzerren nur die Herstellungskosten. Man müsste die Grenzen schon dichtmachen, um einen Fixpreis festlegen zu können. Und dann stellt sich die Frage, für welche Lebensmittel solche Preisuntergrenzen überhaupt eingeführt werden sollen. Nur für Fleisch und Milch? Oder auch für Brot, Kartoffeln, Tomaten? Und was ist mit Kaffee oder Tee? Kompliziert. Und außerdem ist TTIP ja gerade auch ein heißes Thema.

Also, was machen Bund und Europäische Union? Sie zahlen zum Beispiel Flächenprämien für die Bauern. Pro Hektar gibt’s zwischen 250 und 300 Euro im Jahr. Wie viel ein Landwirt davon hat, kommt auf seinen Betrieb an – in der Hühnermast spielt Fläche weniger eine Rolle, aber auch bei den Schweinen geht es immer mehr in diese Richtung. „Diese Prämie hilft den Landwirten schon“, findet Beier, er ist aber der Meinung, „dass dadurch indirekt auch die Verbraucherpreise niedrig gehalten werden.“ Bekämen die Landwirte diese Prämie nicht, würden die Preise steigen, da viele sonst ihre Produktionskosten überhaupt nicht mehr decken könnten, vermutet er. Das ginge wahrscheinlich aber auch damit einher, dass die ganz kleinen Familienbetriebe pleitegehen würden. Über Sinn und Unsinn der Prämie haben schon einige gestritten – ohne Ergebnis. Genau wie bei der Milchquote, die Anfang der 80er als Antwort auf die „Butterberge“ und „Milchseen“ eingeführt wurde und die innerhalb der EU das Gesamtangebot an Milch der tatsächlichen Nachfrage angleichen sollte. Sie wurde im April 2015 gestrichen – manche hätten sie gern wieder. Doch Beier sagt: „Schon vor der Abschaffung gab es das Problem, dass Landwirte unterbezahlt waren. Das würde sich mit einer neuerlichen Einführung nicht ändern.“

Dafür gebe es hingegen bereits Maßnahmen, die die Ausbreitung von riesigen Anlagen verhinderten, zum Beispiel über die Düngeverordnung, die die Verseuchung des Grundwassers eindämmen will. Nur: „Es werden immer mehr Megaställe genehmigt“, heißt es im Fleischatlas. Allein im Kreis Vechta in Niedersachsen seien 2013 und 2014 mehr als 87 000 neue Plätze genehmigt worden – mehr als in ganz Hessen! Eine sinnvolle Lösung ist von der Politik bei all diesen Widersprüchen kurzfristig also eher nicht zu erwarten.

Die Familien Schlitzer und Link sind – wie alle anderen vergleichbaren Landwirte in der Region auch – derweil darauf bedacht, ihre Kosten niedrig zu halten, haben aber kein Mitspracherecht bei der Preisgestaltung. Und ob das Kartellamt es schaffen wird, die „Diktatur“ der „Big Four“ zu stürzen, steht noch mal auf einem ganz anderen Blatt. Bleibt also nur noch einer übrig: du!

Zuerst erschienen im Magazin move36

Weiterführender Link:
Interview mit Kartellamtspräsident Andreas Mundt

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