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Leer stehende Geschäfte, so weit das Auge reicht. Die Fuldaer Innenstadt stirbt aus – das zumindest ist der Eindruck, wenn man durch ihre Straßen läuft. Wir zählen rund 30 Leerstände, so viele wie noch nie. Eine Besserung der Lage scheint nicht in Sicht. Was denken die Händler darüber, was will die Stadt dagegen tun? Und was kann jeder einzelne von uns machen?

Es ist ein trauriges Bild, das sich denen bietet, die noch durch die Fuldaer Innenstadt laufen. So viele wie vor ein paar Jahren sind das zwar auch nicht mehr, aber diejenigen, die noch flanieren gehen, dürften umso erschütterter sein. Fast 30 Gebäude haben heute keine Öffnungszeiten mehr an der Tür kleben, kein Personal mehr, das rumwuselt, und keine Waren mehr in den Schaufenstern; fast 30 Gebäude stehen heute einfach leer und trostlos in der Gegend rum.

Während die Löherstraße, mit Ausnahme des Löhercenters, noch recht gut wegkommt, hört man im Bermudadreieck schon ein kränkliches Husten: Die Galerie zum kleinen Mann, einst eine Institution, schließt zum Jahresende; das Restaurant La Gondola ist bereits dicht und wird von einem bayrischen Restaurant abgelöst; das Eckhaus, in dem ehemals Jack Wolfskin war, wird zwar bald wieder ein Willkommensschild an der Tür haben, der Stadtmetzger zieht dort ein. Ein paar Häuser weiter aber, dort wo die Metzgerei eben vorher war, werden dafür nur noch die Wände und Decken nach Fleisch riechen. Und die paar Menschen, die sich in die Läden und Geschäfte am Buttermarkt und in der Marktstraße trauen, sind mutig. Denn dort muss man ja beinahe Angst haben, dass man aus einem Laden nicht mehr rauskommt, wenn man ihn betreten hat, so schnell werden dort manche Türen zugenagelt. Gerade in der Marktstraße, eigentlich eine der besten Lagen Fuldas, wechseln die Läden öfter ihre Besitzer als manch einer seine Unterhose.

„Bei uns ist das ganz auffällig“, sagt denn auch Holger Enick von Fink Fashion. Er ist bereits seit 25 Jahren am Buttermarkt und weiß, wovon er spricht. Wenn er einen Fuß vor seinen Laden setzt, ist er geradezu umzingelt von Gebäuden, die ihm zurufen, dass das nicht mehr lange gutgehen kann. „Die Kundenfrequenz hat in den letzten Jahren stark abgenommen, das bekommt fast jeder Händler in der Stadt zu spüren.“

Lars-Oliver Hergeth geht sogar so weit zu sagen, dass das „der Beginn eines Stadtsterbens“ ist. „Seit dem letzten Jahr kommen 20 bis 30 Prozent weniger Leute in die Innenstadt.“ Er ist der Inhaber des Concept Stores Lieblings in der Friedrichstraße und malt ein tiefschwarzes Bild von der Zukunft. „Das ist wie eine Krankheit“, sagt er. „Wenn das so weiter geht, ist es hier in zehn Jahren mucksmäuschenstill. Drei Viertel aller Fensterläden werden zugeklebt sein. Damit stirbt eine ganze Kultur aus. Das Wort Stadtbummel wird es dann nicht mehr geben.“ Und auch ein weiterer Experte, der die Stadt aus einem anderen Blickwinkel betrachtet, sieht die Lage mit Sorge: „Die Leerstände in der Innenstadt haben eindeutig zugenommen“, sagt ein Fuldaer Makler, der namentlich nicht genannt werden möchte.

Um ein Gefühl dafür zu bekommen, wie das dann ausschaut, braucht man nicht weit zu fahren. Die Situation in Schlüchtern, Schlitz oder Lauterbach weckt Angst, dass auch in Fulda bald keine Menschen, sondern nur noch Steppenläufer, wie man sie aus alten Wildwestfilmen kennt, durch die Straßen ziehen.

Stefan Wehner, Inhaber vom Fuldaer Bekleidungsgeschäft Campo und obendrein Vorsitzender der Interessengemeinschaft Friedrichstraße, fordert deshalb: „Wir müssen zusehen, dass wir wieder mehr Kaufkraft in die Innenstadt locken.“ Doch wie soll das aussehen? Und wer ist überhaupt Schuld an der Misere?

„Die Kaiserwiesen, das Emaillierwerk, das Justus-Liebig-Center, die haben schon viel abgegriffen“, klagt Wehner. „Deshalb haben wir ja auch die Sommerlad-Pläne auf der Grünen Wiese so vehement bekämpft.“ Obendrauf kommt noch der Onlinemarkt, der im Schnitt jährlich um knapp zehn Prozent zunimmt. „Ja, auch der spielt eine große Rolle“, weiß Wehner. Reginald Bukel von der Werbegemeinschaft Centhof in der Bahnhofstraße benutzt gar den Begriff „Bedrohung“, wenn er vom Internet spricht. Und das ist kein Gefühl, sondern Fakt: Eine Studie des Instituts für Handelsforschung (IFH) in Köln hat jüngst berechnet, dass wegen des Onlinehandels bis 2020 jedem zehnten Geschäft das Aus droht. Deutschlandweit wären das 45.000 Läden. Auch Fulda kommt in der Studie vor: Für die Barockstadt werden krasse 30 Prozent Einnahmeeinbußen vorhergesagt.

Ja, ja, das böse Internet. Wer damit aber eigentlich gemeint ist, ist auch klar: jeder einzelne von uns, also du, ich, wir alle. Getreu dem Motto: Würden wir nicht zu Hause faul von der Couch aus unsere neuen Schuhe bestellen, sondern unseren Arsch mal in die Läden bewegen, um uns gescheit beraten zu lassen, müssten wir uns in ein paar Jahren auch nicht darüber beschweren, dass es geisterleer in der Innenstadt ist. Dabei ist der Onlinemarkt häufig nicht mal günstiger. „Vor allem, wenn man Markenartikel kaufen will, kosten die im Internet genauso viel wie im Laden – zumindest in der Modebranche“, sagt Holger Enick. Dank der Buchpreisbindung kann man dem auch für Literatur zustimmen. Außerdem bieten viele Geschäfte mittlerweile an, den Preis zu reduzieren, wenn es die gewünschte Ware im Internet günstiger gibt. Das gilt natürlich vor allem für größere Filialisten wie Media Markt oder H&M, aber mittlerweile auch immer mehr für kleinere Läden, die nach Wegen suchen, mit dem Online-Handel Schritt halten zu können.

Wir sind schon ein merkwürdiges Volk. Eigentlich haben wir die Geiz-ist-geil-Mentalität doch hinter uns gelassen und sind umweltbewusst, strikt gegen Kinderarbeit, wollen recyclen statt wegwerfen und unsere Lebensmittel immer bio und aus der Region haben. Ehrenwert. Doch was tun wir? Bestellen bei Amazon oder kaufen bei Primark – scheiß‘ doch auf lange Transportwege oder Kinderarbeit. Unsere Lebensmittel sind vom Discounter und damit meist auch nicht aus der Region. Hauptsache nen Euro oder drei Minuten gespart. Am schäbigsten verhalten sich die, die sich ganz dreist im Laden beraten lassen, um das Teil dann anschließend im Internet zu bestellen. Ist es da ein Wunder, wenn dann ein Laden nach dem anderen schließt?

Dabei liebt es doch jeder von uns, beim Einkaufsbummel die Sachen auch anzuprobieren, ja überhaupt anzufassen, mal eine Pause im Café zu machen, bei einem Cappuccino mit Freunden zu plaudern und ihnen stolz die neue Jacke zu präsentieren, ein bisschen zu stöbern, etwas zu entdecken, was gar nicht auf dem Einkaufszettel stand, sich beraten zu lassen von jemanden, der Ahnung hat, überhaupt jemanden zu haben, der vor einem steht und den man bei Reklamationen oder Fragen zu Rate ziehen kann. Einfach dieses umfassende Glücksgefühl, das man beim Einkaufen mit sich herumträgt; Stadtbummel ist immer auch ein kleines Erlebnis.

Das sei auch genau das Stichwort, erklärt IHK-Hauptgeschäftsführer Stefan Schunck. „Das Einkaufen in der Innenstadt muss wieder ein Erlebnis werden.“ Dann kämen die Leute von ganz alleine. Schunck unterstreicht damit die bereits erwähnte Studie aus Köln, die Ambiente, Gestaltung, und Erlebnischarakter als die drei Schlüssel benennt, die die Türen für die Innenstadt wieder aufstoßen können. Und dabei sieht Schunck alle in der Pflicht: „seine“ IHK, die Stadt, aber auch die Händler.

Ein paar Ideen hätte Holger Enick von Fink Fashion bereits: „Es nervt die Leute, von der Parkuhr gehetzt zu werden.“ Wer in der Innenstadt einkaufen gehen will, möchte nicht ständig auf die Uhr gucken müssen. Hinzu kommt, dass ein Strafzettel im günstigsten Fall direkt mal zehn Euro kostet. Natürlich weiß Enick, dass das in anderen Städten genauso ist. Aber das müsse ja nicht heißen, dass es für Fulda keine bessere Lösung gebe. Ebenso sei es mit städtischen Veranstaltungen: „Es werden so viele kulturelle Events gemacht – was ich toll finde – aber für den Handel wird so wenig, wenn ich recht darüber nachdenke eigentlich gar nichts gemacht.“ Da müsse die Stadt doch mal zusehen, dass sie ein besseres Gleichgewicht finde.

Und Lieblings-Chef Hergeth ist der Meinung, dass man sich mal Gedanken über die Mieten machen sollte: „Für junge Existenzgründer ist das eine Katastrophe. Die trauen sich doch bei den Preisen nicht, einen Laden zu eröffnen.“ Der von move36 befragte Makler sagt zwar: „Die Mieten sind durchaus marktüblich und in Fulda sicher nicht zu hoch.“ Er räumt aber auch ein, dass es nicht gerade einfacher wird, die leeren Läden an den Mann zu bringen. „Vor allem in den Seitenstraßen wie Peterstor oder Universitätsstraße, also keine Eins-A-Lagen, sind Räume schwierig zu vermitteln.“ Mit Blick auf den Buttermarkt und die Marktstraße möchte man dem selbst für die sogenannten Eins-A-Lagen zustimmen.

Davon abgesehen sind sich die Händler aber auch einig, dass sie ebenfalls ihren Teil dazu beitragen müssen. „Wir brauchen mehr Individualität, mehr Ideen und Kreativität“, fordert Campo-Chef Wehner. Dem stimmt Hergeth zu: „Jeder muss sein eigenes, individuelles Sortiment haben und sich von den anderen abheben.“ Für den Inhaber vom Lieblings ist die Rechnung einfach: „Geht es meinem Nachbarn gut, dann geht es auch mir gut. Wenn alle gegeneinander arbeiten, sackt das Kartenhaus früher oder später in sich zusammen.“

All dem können Edi Leib und Dominik Höhl vom City-Marketing nur nickend zustimmen. Sie versuchen gerade, in Zusammenarbeit mit der IHK und externen Beratern die Fuldaer Innenstadt mit einem neuen Konzept in eine goldene Zukunft zu geleiten. Die Lösung sehen sie in „Business Improvement Districts“. Grob gesagt geht es dabei um Stadtbezirke, die thematisch eine Einheit bilden sollen. Ein Business Improvement District, kurz Bid, ist ein abgegrenzter Bereich in der Stadt, meist eine Straße und angrenzende Seitenstraßen, die gemeinsame Aktionen planen.

Genaueres wollte die Stadt dazu nicht sagen, doch move36 weiß: Der erste Bid soll der Bereich Bahnhofstraße/Uniplatz werden. Die Planungen sind schon recht weit fortgeschritten, folgend ein paar wahrscheinliche Inhalte: gemeinsame Öffnungszeiten, WLAN-Ausbau im ganzen Bid, das Erweitern der Fußgängerzone bis zum Bahnhofsgebäude, einheitliche Straßenbeleuchtung wie beispielsweise Lampions im Sommer oder das gemeinsame Engagieren von Straßenmusikern für einen verkaufsoffenen Sonntag im gesamten Bid. Das Schöne daran: Das Ergebnis wird umso besser, je mehr Läden und Geschäfte an einem Strang ziehen, sich ergänzen und beispielsweise mit einheitlichem Ambiente aufwarten. Das Bid-Konzept soll genau das fördern und unterstützen. Ende 2016 kann mit dem ersten in Fulda gerechnet werden.

Bis dahin sollten wir alle, du, ich, jeder einzelne von uns zusehen, dass auch wir unseren Teil dazu beitragen, dass die Innenstadt wieder aufblüht; uns mal Zeit für einen Stadtbummel nehmen, auch mal stöbern und etwas kaufen, was gar nicht geplant war, eine qualifizierte Beratung genießen, mal den Stoff anfassen, an den Büchern und Schallplatten riechen, abwägen, entscheiden, zwischendurch einen Kaffee trinken gehen, unseren Freunden stolz den neuesten Schnapper präsentieren und am Abend von einem Laden erzählen, der uns zuvor noch nie aufgefallen ist, der aber wunderschöne Sachen hat. Denn all das geht nicht im Internet und nur begrenzt in einer Mall. All das geht am besten in der Innenstadt.

Zuerst erschienen im Magazin move36

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